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Mit Aprikosen. Eine Rezension.

Wer nach Kirgistan kommt, wird unweigerlich mit den Aprikosen Bekanntschaft machen. Im Sommer pflückt man sie frisch vom Baum, für den Herbst wird daraus Konfitüre gekocht, an den Winterabenden bietet man die getrockneten Früchte zum Tee, und die von der harten Schale befreiten mandelartigen Kerne werden auf dünne Fäden gereiht – Schmuckketten, von denen die Kinder bis in das Frühjahr naschen können. 

Für den jungen Ethnologen Oliver Hösli sind sie die Metapher für das Ankommen seiner Romanfigur Willi in der Welt im Herzen eines anderen Kontinents, tausende Kilometer von seiner schweizer Heimat entfernt. Sie sind auch eine Metapher für die junge Aisuluu, mit der Willi dort, in der entlegenen Siedlung Kadzhi-Sai am Ufer des grossen Hochgebirgssees Issy-Kul, ein gemeinsames Leben beginnen möchte.

Man könnte aus diesem Sujet eine romantische Liebesgeschichte stricken – mit den exotischem Beiwerk einer gänzlich fremden Kultur, dem Auf und Ab der Gefühle und romantischen Sonnenuntergängen am Seeufer. Den Leser erwartet aber etwas ganz anderes – indem er das Buch aufschlägt, begibt er sich auf eine rasend schnelle Achterbahnfahrt, die kein Innehalten zulässt und ihn zwingt, Seite um Seite weiterzublättern. 

Aisuluu ist kein kleines Mädchen, sondern eine lebenserfahrene und starke Frau. Sie weiss, dass ihr Leben in ihrer Verantwortung liegt, dass sie sich selbst durchsetzen muss. Sie ist bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen. Diese Autonomie verunsichert den jungen Schweizer. Aisuluu konfrontiert ihn damit, dass das 21te Jahrhundert angefangen hat, dass die Moderne in Kirgisien sich nicht von der in der Schweiz unterscheidet und dass dieselben menschlichen Maßstäbe global gelten. 

Der Autor entwickelt für diese Geschichte eine besondere poetische Schreibweise. Wortpaare, Satzbruchstücke, kurze Sentenzen – einfach, aber voller Assoziationen. Gegliedert in Form von Tagebuchnotizen und mit erklärenden Einschüben von Aisuluu schildert das Buch vier Jahre des gegenseitigen Kennenlernens, des Sich-Entfernens und des Sich-Näherkommens. Man könnte an impressionistische Skizzen denken, die die Sommerhitze, das Wellenspiel des Sees, den Staub eines aufgelassenen Uranbergwerks und nicht zuletzt die allgegenwärtigen Aprikosen mit vielen kleinen Pinselstrichen aufleuchten lassen. Nichts wird verklärt, nichts wird denunziert. Fremdes wirkt vertraut, ungewohntes selbstverständlich, einfache Dinge zeigen eine große Schönheit. 

Mit dieser Entdeckung bestätigt die Edition Monhardt www.monhardt.de ihren Ruf als Förderin besonderer Literatur über den Südosten Europas. Das von Svetla Georgieva gestaltete Buch wurde mit Sorgfalt editiert. Die Karte Kirgistans im Einband und ein Glossar helfen dem Leser bei der Orientierung. Der Buchdeckel zeigt – wie könnte es anders sein – eine Fotografik mit verlockenden Aprikosen. 

Wir können uns nur bedanken für dieses Geschenk an alle, die mit offenen Augen die große Nähe der Menschen des heutigen Kirgistan erleben möchten.

Oliver Hösli
Mit Aprikosen. Eine Flaschenpost.
Roman, 140 Seiten, Erstausgabe März 2022, 
Edition Monhard, Ahornstraße 12a, D-12163 Berlin www.monhardt.de
ISBN 978-3-9817789-7-7

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