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Review „Flowers Of Freedom“

Nach preisgekrönten Filmen wie Beshkempir und Svet Ake bringt der Dokumentarfilm von Mirjam Leuze erneut Licht und Luft der kirgisischen Landschaften zum Tanzen. Aus einem fernen Land im politischen Umbruch schildert sie eine so lebensmutige wie bewegende Geschichte von Frauen, die sich in ihrem gemeinsamen Kampf für die Opfer eines Zyanidunfalls zu glühenden Umweltaktivistinnen auf der politischen Arena entwickeln.

Der 96 minütige Film greift mehrere Themen auf. Der Plot entwickelt sich anhand des Hauptkonfliktes – einer Goldmine, die seit über fünfzehn Jahren an der Grenze zu China auf 4000 Metern Höhe von Kanadiern geleitet wird. Sie ist für die Kirgisen Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil die Goldgewinnung als einer der wenigen gewinnbringenden Sektoren im verarmten Kirgistan gilt: In guten Jahren entfallen bis zu zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes auf die Mine, 15 Prozent der Steuereinnahmen und 50 Prozent der Exporte. Die Verteilung der Gewinne von Kumtör ist aber auch Quell für Neid und Unruhe in dem bitterarmen zentralasiatischen Land. Die gestürzten Regierungen von Akajew und Bakijew handelten ursprünglich die Verträge mit den Kanadiern aus, kontrollierten das Geschäft und bereicherten sich ungeniert an Kirgistans Wirtschaft. Die Bevölkerung erlebt tagtäglich, wie das Gold vor ihrer Haustür ausgegraben und wegtransportiert wird, aber eine goldene Zukunft bleibt für sie eine Illusion: Die Straßen sind marode, Schulen und Krankenhäuser verkommen, die Lebensbedingungen sind primitiv, der verbitterte Existenzkampf geht weiter…

Dazu kommt noch ein Unfall: einer der mit Chemikalien voll beladenen Lastwagen, die zu Anfang des Films durch das kleine Bergdorf Barskoon donnern und den Abfall in die Berge transportieren, verunglückte im Sommer 1998. Dabei landete die unversiegelte Ladung in einen Fluss, es gab zahlreiche Tote und Vergiftete in den anliegenden Dörfern.

Die Aufnahmen zeigen wie die Frauen beim Tee die Opfer der Zyanidvergiftung zählen: „Wie viele waren es? Sechs, zehn, fünfzehn…, ja, mein Vater, unser Nachbar.. viele und auch junge Leute darunter… „ Sie sprechen von der Willkür und Ignoranz der Behörden, die den Kontaminierungsschaden runter spielen und die Protestierenden mit Einschüchterung, Drohbriefen und Festnahme zum Schweigen bringen. Verzweifelt und über mehrere Jahre hinweg kämpfen die Menschen um Schadenersatz für die vielen Opfer des Giftunfalls, sammeln mühsam Beweise, Blut-Proben und Fakten, und scheuen nicht davor zurück, ihr Anliegen immer wieder durchaus auch handfest auf den Straßen auszutragen.

Der Spannungsbogen des Films entwickelt sich in verschiedenen Stadien – teilweise belegt mit Privataufnahmen – und lässt ein viel größeres Unheil erkennen: Beim Goldabbau werden die Bergmassen gesprengt, die Ränder der Minentrichter fräsen sich in den Gletscher, der Abfall mit giftigen Chemikalien wird in einem künstlichen Schlamm-See gelagert. Die Gletscher und die Schneefelder sind die Hauptquelle der Flüsse und Seen, deren Wasser Millionen Menschen trinken. Seit Jahren ist der Schwund der Gletschermassen zu beobachten. Außerdem gibt es Warnungen, dass die Goldstamm-Becken und Dämme durch einen Erdbeben beschädigt werden könnten und sich dann das Gift in den Naryn – den größten Fluss der Gegend – ergießen würde.

Als Zuschauer erhofft man sich vielleicht konkrete Bewertungen der Schwachstellen und der ökologischen Risiken in der Kumtör-Goldmine. So wie die Umweltaktivistinnen sich um zuverlässige Daten und die reale Einschätzung der Kosten für die Umweltschäden bemühen, bleibt auch der Zuschauer über den ökologischen Zustand des umstrittenen Bergbaus im Unklaren. An dieser Stelle gibt der Film Anregung zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Frage um die Verstaatlichung der Mine, die gegenwärtig die dortige politische Agenda dominiert. Allerdings müsste das politische Handeln in dieser Sache gerade auch im eigenen Interesse gut überdacht werden, denn die Versäumnisse bzgl. der Verwaltung des Gold-Anteils zum Nutzen des Volkes und bei der Klärung der ökologischen Schaden sind nicht den Kanadiern anzulasten, sondern geschahen in kirgisischer Verantwortung.

Des Weiteren liefert der Film eine zum Teil chronologische Dokumentation der sozial-politischen Entwicklung. Die Aktivistinnen berichten von den Regimen von Akajew und Bakijew, die selber die Rechtsrahmen für ihre persönlichen Interessen missbrauchten und trotz des Unmutes der Bevölkerung und sozialer Spannungen ihre Systeme zu festigen glaubten. Die Zuschauer werden Zeuge der Milderung des politischen Klimas, und der demokratischen Vorzeichen, in deren Zuge die Aktivistinnen, die einst geächtet und verfolgt wurden, es nun zu Ehrung und zur Übernahme eines politischen Mandates schaffen.

Zu guter Letzt lebt der Film von außergewöhnlichen weiblichen Charakteren, die sich im Kampf gegen innere (z.B. die örtliche Verwaltung/Regierung) und äußere Gegner (Kumtör-Operating-Company) solidarisieren, sich anfreunden und über mehrere Jahre hinweg einen gemeinsamen Weg bestreiten. Ihre Gespräche und Erzählungen gewähren einen Einblick in ihr Leben, in ihre Erlebnisse, Träume und in die Entwicklungen, die sie über die Jahre durchmachen. Es sind Frauen aus einfachen Verhältnissen, die miteinander respektvoll umgehen und sich gegenseitig liebevoll „Mädchen“ nennen und auch von den anderen anstelle der Bezeichnung „Frauen“ lieber „Mädchen“ genannt werden wollen. Das Wort „Mädchen“ assoziieren sie mit ihrem unverheirateten bzw. geschiedenen Status einerseits, andererseits mit ihrer selbstständigen und unabhängigen Lebensweise sowie mit ihren geschäftlichen Tätigkeiten, die sie ‚mannesgleich‘ verrichten. Beiläufig aber gekonnt schneidet der Film die vorherrschenden Probleme des weiblichen Teils der Bevölkerung wie die Raubheirat, häusliche Gewalt, die Folgen der unregistrierten Ehen sowie die unzähligen Existenzsorgen an, mit denen man als alleinstehende Frau und/oder als alleinerziehende Mutter in einem kirgisischen Dorf konfrontiert ist. Mit ihrem feinsinnigen Humor und der ihnen eigenen Gelassenheit vermitteln die Protagonistinnen ein vielseitiges Frauen-Portrait.

Die wechselnden Bilder zwischen der ruhigen Landschaft, dem idyllischen Dorfleben und den gigantischen LKWs, die mit ohrenbetäubendem Lärm und riesigem Staubwirbel vorbeifahren, sorgen für einen starken Kontrast. Die kirgisischen Musikstücke und diverse filmische Mittel vermitteln die Szenen und fangen die Zuschauer in die jeweilige Emotionslage ein.

Fazit: Eine gelungene Verfilmung von wahren Begebenheiten aus einem kleinen Land mit großen Sorgen und starken Frauen.

Mahabat Sadyrbek, Politikwissenschaftlerin und Vereinsmitglied
Regisseurin: Mirjam Leuze
Laufzeit: 96 Minuten
Spielort: Kirgistan

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