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Textil Art

Kirgisistan: Textilkunst aus den Jurten an der Seidenstraße

Unter diesem Motto stellen wir textile Schätze aus Kirgisistan auf dieser Seite vor. Die in den Bergen des Tienschan lebenden Nomaden haben unter den rauen klimatischen Bedingungen über Jahrhunderte eine ganz eigene, auf die Erhaltung des fragilen Gleichgewichts zwischen Natur und Mensch ausgerichtete Kultur entwickelt. Zentraler Aspekt der kirgisischen Lebensweise ist die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen. Und das sind zwischen den Siebentausendern eigentlich nur die Herden der Viehzüchter: Hammel, Schafe, Pferde, Kamele, Yaks. Sie liefern die Nahrung, den Brennstoff – und sowie Leder und Filz, die für die Behausung, die Kleidung und den Haushalt genutzt werden und die über die uralten Wege der Seidenstraße gegen Waren getauscht werden.

Heute macht den besonderen Reiz der kirgisischen Textilkunst die Verbindung von jahrhundertealten Kulturtechniken und modernem Design aus, die Symbiose von traditionellen Motiven der Volkskunst mit den Ideen der modernen Multimedia-Community.

  • Zu solchen Erzeugnissen gehören Teppiche aus Filz, Schals aus Nunofilz, gestickte Wandbehänge, Bekleidung sowohl wie modische Accessoires wie Taschen, Mützen und Schmuck aber auch Gegenstände für die Inneneinrichtung.

Und nun eine kleine Zusammenstellung zu den wichtigsten textilen Techniken.

Filz
Filz ist eine nicht gewebte Textilie, seine Herstellung ist vielleicht die älteste Textiltechnik der Welt. Sie spielt bei den Nomaden Zentralasiens immer noch eine zentrale Rolle. Wollfilz ist ein Walk- oder Pressfilz. Die gereinigte, gekämmte und bis zum Vlies aufbereitete und eventuell gefärbte Wolle von Schafen, Yaks und Ziegen wird durch Walken in einen festen Verbund gebracht. Beim Nassfilzen bewirkt die Kombination von warmem Wasser, Seife und heftiger Bewegung auf Wollfaser so, dass sie nicht mehr zu lösen sind. Dabei läuft die Wolle stark ein und ergibt ein festes Material - Filz!

IMG_7552Shyrdak
Die bekanntesten Filzteppiche aus Kirgisistan heißen Shyrdak. Ihre einzigartigen verspiegelten Ornamente entstammen der Bergsteppe: Blume, Steinbock, Vogel, sowohl wie Sonne, Mond und das gezackte Gebirge.

Hergestellt werden sie als Filzintarsien nach der folgenden Methode:

  • Zwei Filzplatten unterschiedlicher Farben werden aufeinander geheftet.
  • Mit Kreide wird ein symmetrisches Muster auf die obere Filzplatte gezeichnet.
  • Mit einem scharfen Messer schneidet man entlang der Markierungen.
  • Nachdem die Heftfäden gezogen sind, tauscht man die Zentralmotive und Hintergründe - die nun in zwei Farben vorhanden sind - aus und setzt sie nach dem Prinzip eines Puzzles zusammen und heftet sie.
  • Diese Platten werden auf einer gefilzten Unterlage mit Borten versehen und aneinandergenäht. Zum Schluß wird gezwirnte Schnur - Jeek - mit einem dicken Wollfaden in die Musterumrisse gelegt und durch die Unterlage gesteppt.

Shyrdaks sind schall- und kältehemmend und schaffen ein angenehm warmes Raumklima.

DSC_6047Ala-Kiyiz
Ala-kiiz sind bunte Filzteppiche, deren Muster nicht als Filzintarsien wie bei Shyrdak entstehen sondern aus farbiger Wollfaser, die direkt in eine Filzunterlage eingewalkt werden. Traditionell haben Ala-kiiz – wie Shyrdak – meist große zentrale Muster mit einer schmalen dekorativen Borte. Eine Vielzahl von Farben wird auf einem dunklen Hintergrund, oft schwarz, verwendet.

Ausgangspunkt für die Herstellung eines Ala-kiiz ist

  • Ein Chii (Schilfmatte), der zuerst mit einer dicken Schicht von gewaschener, kardierter, loser Wolle – in der Regel von einer Farbe – bedeckt wird. Diese erste Schicht bildet Rückseite sowie Hintergrund für die späteren Muster.
  • Dicke Stränge aus farbigen Wollfasern werden dann als Muster aufgelegt. Die resultierende Matte aus lockerer Wolle kann mehrere Zentimeter dick sein. Sie wird dann mit einem Tuch abgedeckt und mit heißer Lauge begossen.
  • Die Wollschicht auf dem Chii wird zusammengerollt, in einen Leinensack gesteckt und befestigt. Die Matte wird gewalkt, bis die Wolle verdichtet ist und Filz entsteht.
  • Die Filzmatte wird von dem Chii befreit, nochmals zusammengerollt und mit Händen und Ellenbogen weiter gewalkt.
  • Erst wenn die Wollfasern sich verbunden haben, wird der Wollteppich ausgespült und getrocknet.

Auf Grund dieser Art der Herstellung ist ein Ala-kiiz nicht so robust wie ein Shyrdak und die Grenzen der Muster der Ala-kiiz sind weniger regelmäßig im Vergleich zu den strengen grafischen Konturen von Shyrdaks. Erfahrene Filzerinnen "malen" heute Bilder wie Aquarelle oder Ölgemälde mit dieser filigranen Technik aus Filz.

1 (117)Chapan
Die traditionelle Bekleidung in Zentral Asien ist der Chapan.

Dieses Wort ist verwandt mit dem Begriff Kaftan. Dahinter verbirgt sich ein Mantel in klassischer T-Form, vorne offen und mit geradem Schnitt – in Zentralasien oft links über rechts gewickelt. Ein Chapan kann saisonbedingt ohne Futter, leichtgefüttert oder mit Baumwolle oder Wollvlies wattiert und gesteppt sein. Schlitze werden auf den Unterseiten links und rechts eingesetzt, um eine bessere Bewegung zu ermöglichen. Halsbänder, Säume und Ärmel werden mit einem schmalen gewebten Band oder eventuell mit der Webkante des Stoffes verziert.

IMGP3593Der Chapan wird auch bei anderen türkischen Nomadenvölkern gern getragen. In Kirgisistan wird auch heute noch besonders geachteten Gästen ein Chapan geschenkt.

Tumar
Amulette oder Talismane sind bei den Völkern Zentralasiens als Tumar bekannt. Sie sollen Energie, Glück, Reichtum und Stärke bringen und Schutz vor dem Einfluss von Dämonen geben und vor dem sogenannten bösen Blick schützen. In Kirgisistan gibt es verschiedene Arten von Amuletten, am häufigsten ist die eines Dreiecks. Im Innern eines Tumars wird ein Spruch oder ein heiliges Symbol eingenäht, auf dem die Kraft des Talismans beruht.

kalpaks2Ak Kalpak
Kirgisistan ist ein Land der Berge, der Ak Kalpak ist ein Hut, der sowohl die schneebedeckten Berggipfel als auch die Leistungen eines Mannes symbolisiert. Es ist der wichtigste Bestandteil der kirgisischen Nationaltracht. Die Höhe des Kalpaks hängt vom Anlass oder vom Status des Mannes ab. Kalpaks werden durch Vernähen von vier Filzkeilen hergestellt. Sie schützen vor Wind, Regen, Schnee und Sonne. Sie werden zwar von Frauen produziert, aber ausschließlich von Männern getragen. Die besseren Stücke sind mit schwarzem, blauem oder rotem Samt gefüttert.

IMG_1519Kurak
Kurak ist die populäre Bezeichnung für Patchwork-Arbeiten, die unterschiedliche Völkergruppen Zentralasiens, vor allem entlang der alten Seidenhandelswege betreiben. Eingearbeitet werden traditionell eine breite Palette von Stoffen, meist als Reste: Seide aus China, Baumwollstoffe aus Indien, Brokate aus Russland, Leinen und Wollstoffe aus Europa sowohl wie Materialien wie Filz, Samt oder Leder.

Kurak hat nicht nur einen ästhetischem Wert, sondern auch eine tiefe symbolische Bedeutung. Um böse Geister abzuwenden, wird traditionell eine Vielzahl kleiner Dreiecke mit anderen geometrischen Grundformen kombiniert. Kurak-Wandbehänge hingen in Jurten und später in Häusern. Noch heute finden wir Kurak in Tush Kiiz (bestickte Wandbehänge), Toshok (Matratzen), Ayak-kap (Stofftaschen für Geschirr), in Bekleidung u.s.w. Eine Familie, die auf Kurak-Matratzen und unter einem Kurak-Wandbehang schläft, ist sicher und geschützt vor dem „bösen Blick“.

Chii
Chii sind Matten aus dem großen Steppenschilf, das unserem Reet ähnelt. Sie haben einen praktischen wie auch künstlerischen Wert. Filzplatten werden auf Chii-Matten hergestellt, und Chii dienen als Isolierung unter Teppichen in der Jurte. Außerdem werden sie als leicht zusammenrollbarer innerer Vorhang vor der Jurtentür eingesetzt und verzieren und isolieren die innere kreisförmige Wand der kirgisischen Jurte. Viele Matten sind eindrucksvoll mit eingearbeiteten bunten Mustern verziert.

Chii-Matten werden gewebt. Die Schilfstängel werden arbeitsintensiv mit verschiedenfarbiger Wolle umwickelt. Einige werden besonders umwickelt, um die Matten haltbarer zu machen.

IMGP2381Tush Kiyiz (bestickter Wandbehang)
Tush Kiiz ist eine Art Wandbehang, die früher in jeder Jurte hing und deshalb eine weite Verbreitung in Zentralasien hat. Ursprünglich verkörperte er ein Amulett, verlor diesen Sinn aber über die Zeit. Trotzdem blieben seine rituelle Bedeutung und seine ursprüngliche Form – ein nach unten geöffneten Rechteck – erhalten. Der Tush Kiiz wurde einst aus Filz hergestellt, aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts trat an die Stelle von Filz gewebter Stoff, meistens Baumwollsatin und Samt. IMGP2458Streifen von Stickerei befinden sich an drei Kanten: rechts, links und oben, wo sich ein bis zwei dreieckige Amulette befinden. Diese Tumar sind für das Tush Kiiz unerlässlich.  Bis in die 70er Jahre waren Tush Kiiz noch ausschließlich handgefertigt. Traditionell ist der Tush Kiiz ein Geschenk an junge Eheleute zur Geburt eines Kindes. Die ornamentalen Details drücken die besten Wünsche für den neuen Erdenbürger aus.

JurteJurten
Das traditionelle „Haus“  der nomadischen Kirgisen ist die Jurte. Das Stützgerüst einer Jurte besteht aus einer Türzarge und einer zweiflügelige Tür, einem Scherengitter als erweiterbarer Rundwand, den Stangen, die die Jurtendecke stützen und die auf das Scherengitter aufgebunden werden, sowie einer Rundnabe aus gebogenem Holz - Tunduk, die die Spitzen der Stangen aufnimmt und ihre kreisförmige Anordnung erzwingt. Diese runde Struktur ist einfach zu montieren und auseinanderzunehmen, gleichzeitig ist sie extrem leicht – das ist besonders wichtig bei den vielen Weidewechseln im Sommer. Das Stützgerüst wird mit Seilen aus Rosshaar abgebunden, durch aufgelegte Filzbahnen bedeckt, und mit gewebten Bändern wird gleichzeitig die ganze Struktur stabilisiert. Der Tunduk in der Mitte des Jurtendachs kann je nach Witterung geöffnet oder geschlossen werden.