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Helden, Heroes

Eine deutsch-kirgisische Theaterproduktion

"Der, der ich bin, grüßt den, der ich sein könnte." (Hebbel)

Szene: In einem dunklen Raum schwebt ein Körper von der Decke, eingehüllt in Filz und Papier. Ein Schimmer geht von ihm aus. Ein Mensch stellt sich darunter und ruft den Körper mit dem Namen „Manas“ an, er soll herunter kommen. Ein Kopf löst sich aus der Hülle und ist mehr als verwundert. Manas? Der Kopf bittet den Menschen zu gehen, sagt man verwechsle ihn – er sei nicht Manas, er sei ein Krüppel. Doch der Mensch lächelt und bittet den Kopf nicht so eitel und kleinlich zu sein, denn er sei nur ein Geist. Manas Geist.

Projektbeschreibung

Das Projekt Helden ermöglicht eine Kooperation zwischen deutschen und kirgisischen Künstlern, die zweisprachig, interkulturell und mit künstlerischem Interpretationsspielraum ihre beiden bedeutendsten Epen, das kirgisische Manas-Epos und das deutsche  Nibelungenlied, aufarbeitet und ins Jetzt und Hier transportiert. Der Held Siegfried lädt dazu den Helden Manas nach Deutschland ein.

Die 16 Schauspieler und Tänzer aus beiden Ländern werden sich dabei im Besonderen mit den Themen Identität, Demokratie und Heldentum auseinandersetzen. Der kirgisische Held Manas hat seine Verehrung seit dem Frühmittelalter bis heute in Kirgisztan nicht verloren. Warum? Wie sieht es mit Siegfried aus? Wie muss ein Held überhaupt gestrickt sein? Kann ein Mensch mit Behinderung ein Held sein?

  • Manas aber ist einer von den Recken dieser Welt, deren Taten das Herz begeistern, deren Seele die ganze Welt umspannt und deren Freundschaft leuchtend wie eine Damaszenerklinge ist.
  • Er hieß Siegfried. Mit Mut und Kraft zog er durch zahlreiche Länder und nahm mit vielen Mächtigen den Kampf auf. Schon in seiner Jugend stand er in hohem Ansehen, und man sprach von seiner Schönheit.

Die Mitarbeit von Darstellern mit Behinderung aus beiden Ländern ist eine Voraussetzung für die Teilnahme der kooperierenden Theater. Alle Schauspieler müssen ihre gewohnten Strukturen verlassen, ein eigener, neuer Theaterraum soll entstehen. Mit der Auswahl der beiden Volksepen steht der Gedanke des Kulturaustausches im Vordergrund und der Gedanke der Völkerverständigung ist hier auf mehreren Ebenen immanent.

Das Projekt setzt einen Arbeitszeitraum (work in progress) von zwei Jahren an. Die erste Phase beinhaltet einen getrennten Arbeitsprozess. Hier setzen sich die Künstler vorerst in ihren Ländern allein mit ihrem heimischen Epos auseinander. Definitionen und Selbstverständnis werden herausgearbeitet. Die künstlerische Leitung findet von deutscher Seite statt. In der zweiten Phase werden die Gruppen  aufeinandertreffen, ein gemeinsames Stück entwickeln und in Deutschland aufführen.

Umsetzung

1. Phase
Vorbereitung: Für die Umsetzung der ersten Phase sind 4 Workshops, zwei in Kirgisztan und zwei in Deutschland geplant. In Kirgistan werden die Workshops 2013 stattfinden, in Berlin Anfang 2014. Der erste Workshop im jeweiligen Land soll der Ensemblefindung dienen. Hier werden die Teilnehmer mit und ohne Behinderung erstmalig aufeinandertreffen und sich intensiv mit dem eigenen Epos, dessen Bedeutung und seinen Figuren auseinandersetzen.

Der zweite Workshop taucht tiefer in die eigene Identität ein. Eine Positionierung der Schauspieler zur „jungen“ Demokratie Kirgisztans sowie zur „alten“ Demokratie Deutschlands – eine kreative und interkulturelle Bestandsaufnahme.

2. Phase
Probenbeginn: In der zweiten Phase werden die Ensembles insgesamt drei Mal 2014, für 3 bzw. 4 Wochen in Berlin aufeinandertreffen. In diesen Proben wird ein gemeinsames Stück entwickelt und in Deutschland und anschließend in Kirgisztan aufgeführt.

Motivation

Die Inspiration zu dieser Arbeit begann mit der Begegnung Karla-Maria Schälikes im Mai 2012 in der kirgisischen Botschaft in Berlin.

Die mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte Leiterin des Kinderzentrums „Nadjeschda“  war auf  Vortragsreise, um auf die Situation von Menschen mit Behinderung in Kirgisztan aufmerksam zu machen. Ihr Vortrag, sowie die vielen Gespräche im Anschluss darüber mit Frau Schälike und den internationalen Gästen, hat uns zu der Idee eines Deutsch-Kirgisischen Theaterprojektes inspiriert. Mit einer Reise nach Kirgisztan wollten wir dann herausfinden, ob eine Kooperation zwischen Theaterschaffenden, unter der Voraussetzung einer Teilnahme von Menschen mit Behinderung, unserer beiden Länder überhaupt möglich ist.

Im Oktober 2012 reisten Julia Lindig und Inga Dietrich für 10 Tage nach Kirgisztan.

Die Reise war erfolgreich. Die Kontakte zu den Theatermachern wurden teils vor Ort hergestellt und die Begegnung mit den Kulturschaffenden in Kirgisztan war von  Interesse und großer Professionalität geprägt. Die Frage, ob Menschen mit Behinderung an einer solchen Inszenierung beteiligt werden können, wurde ohne weiteres positiv beantwortet. Über die Fragen nach Inhalten und  möglichen künstlerischen Ausdrucksformen wurde intensiv mit der Theaterleitung des städtischen Dramatheaters in Bischkek gesprochen. Eine anregende und motivierende Begegnung, zumal diese Theatercompany  sich erstmalig auf ein solches Projekt in Kirgisztan einlassen wird. Pioniere mit denen wir kooperieren möchten.

Die Begegnung mit erwachsenen Menschen mit Behinderung vor Ort war ebenfalls von großem Glück geprägt, weil es Darsteller zu finden galt, die einer solchen Aufgabe mental und körperlich gewachsen sind und natürlich darstellerische Talente mitbringen sollten. Hier halfen uns die Kontakte von Karla Maria Schälike.

Die sechs Darsteller, die wir für das Theaterprojekt gefunden haben,  leben im Sozialdorf Manas, ca. 80 km von Bischkek entfernt. Sie werden die ersten behinderten kirgisischen Künstler sein, die in einem professionellen Rahmen arbeiten dürfen. Neben ihren darstellerischen Talenten bewiesen sie nicht nur Mut Neuland zu betreten, sondern haben uns auch ihren  leidenschaftlichen Willen, sich einer solchen großen Herausforderung  zu stellen, deutlich machen können.

Das Theater Thikwa, vertreten durch die Regisseurin Inga Dietrich und den Schauspielern des Ensembles, kann dieses Projekt durch seine 20-jährige Erfahrung in der Zusammenarbeit von Künstlern mit und ohne Behinderung professionell unterstützen und zugleich bietet das Projekt auch ihren behinderten Künstlern und dem dahinterstehenden Team einen besonderen internationalen Erfahrungshorizont.

Alle Mitarbeiter und Unterstützer dieses Projektes sind hoch motiviert dieses Pionierprojekt zu realisieren.

Die Epen

Unterschiedlicher können die Ausgangssituationen und Motivationen unserer Helden und ihrer Gefährten und Gefährtinnen in den Fabeln nicht sein.

Das Nibelungenlied

Siegfried, der Held, der im Nibelungenlied sein trauriges Ende findet, ist zwar auch bei uns

namentlich sehr bekannt, wird jedoch eher mit dem Opernzyklus des „Ring des Nibelungen“ Wagners verbunden und von Verehrung wie in Kirgisztan kann keine Rede sein.

Siegfried, Enkel der Götter und Drachentöter ist mit der Tarnkappe und dem Nibelungenschatz zum unbesiegbaren und somit seinerzeit auch zum reichsten Helden emporgestiegen. Er war in Europa weithin bekannt.

Er kommt nach Burgund, angetrieben von dem Willen die schönste Frau der Welt, Kriemhild, zu ehelichen. Der sympathische und kühne Held gewinnt das Vertrauen der Burgunden und bleibt für längere Zeit in ihrem Reich. Später hilft er erfolgreich den Burgunden im Kampf gegen die Sachsen und Dänen. Dann verhilft er König Gunther die isländische Königin Brunhilde heiraten zu können – diese muss im Kampf erst besiegt werden, um einen Bräutigam zu akzeptieren. Für diese Hilfe darf er Kriemhild dann heiraten.

Er kehrt mit Kriemhild in sein Reich zurück und lebt dort glücklich mit ihr.

Doch durch einen Streit, sieben Jahre später beim einem Fest in Burgund, als die Frauen darüber streiten wessen Mann mächtiger ist, Siegfried oder Gunther, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Kriemhilds Bruder, König Gunther, ermordet mit Hagen von Tronje, seinem Getreuen, Siegfried bei einer Jagd. Kriemhild hatte im Glauben ihn zu schützen, seine verwundbare Stelle preisgegeben. Nicht nur, dass man ihren geliebten Mann ermordet, man verweigert ihr auch seinen Nachlass – den Nibelungenschatz. Mit langem Atem arbeitet sie nun an ihrer Rache. Sie heiratet den mächtigen Hunnenkönig Etzel und lockt nach 12 Jahren die Familie mit Hagen nach Hunnenland. Dort angekommen, werden Kriemhilds Brüder und ihre 1040 Ritter samt dem Gesinde von 9000 Mann getötet. Mindestens genauso viele Hunnen sterben und auch Kriemhild wird am Ende getötet.

Manas

Manas, der Sohn eines Clanführers der mit übernatürlichen Kräften geboren wird, setzt sein Leben ein, um sein Volk ins Land seiner Väter zurückzuführen. Viele abenteuerliche Kämpfe müssen er und seine Gefährten bestehen, mächtige Feinde sind zu bezwingen: der dolcharmige Eherne Schütze, der Zauberer Alooke, genannt der Drache von Andishan, der listenreiche Khan Neskara, die Riesin Kanychai, der tückische Konurbai. Durch eine Prophezeiung weiß Manas, dass er den Khan der Khane in der ehernen Hauptstadt besiegen muss, um seinem Volk den Frieden zu geben. Doch er weiß auch, dass er dort sterben wird, wenn er länger als sechs Monate dort herrscht. Er geht diesen Weg dennoch und bezahlt am Ende mit dem Leben.

Manas ist bis heute hoch verehrt und man findet diese Verehrung überall in Kirgisztan. Man hat ihm nicht nur Denkmäler gebaut und den Flughafen nach ihm benannt, er ist auch auf vielen Festen und in aller Munde – jeder Kirgise kennt Manas, weiß, dass er die von den Uiguren (Chinesen) vertriebenen Kirgisen vereint und für die Rückkehr in die alte Heimat gekämpft hat. Ein wahrer Held, auch heute noch.

Wer bin ich?

Wie werden Helden heute definiert? Haben sie heute überhaupt noch eine Zukunft? Was unterscheidet unsere Helden voneinander? Was verbindet sie dennoch? Wer hat welche Rolle? Wo kommen wir her und wo wollen wir hin?

Was uns vereint

Was uns vereint ist die Suche nach der Identität eines jeden Einzelnen in einer Gemeinschaft, die entwurzelt scheint. Unser Wunsch nach Sicherheit, der immer Größeres sucht, als wir im Einzelnen selber zu leisten vermögen und die Hoffnung auf bessere Zeiten, in einer Welt, wo Helden andere Gestalten angenommen haben.

Menschen mit Behinderung

Bei allen diesen komplizierten und komplexen Verhältnissen ist es verständlich, dass die Bevölkerung nur langsam einen Blick auf die Randgruppen ihrer Gesellschaft wagt. Doch sie tun es. Die Situation von Menschen mit Behinderung in Kirgisztan ist nach wie vor schwierig, aber die Bereitschaft diese Situation zu verbessern ist von Seiten der Bevölkerung gegeben – und sie sind hierbei für jede Unterstützung dankbar.

Künstler in Kirgisztan

Zentralasiatische Länder wie Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan sind rein räumlich weit von anderen Ländern, mit denen Austausch stattfinden könnte, entfernt. Die Theaterschaffenden in Zentralasien sind vom Rest der Welt faktisch so gut wie abgeschnitten. Mit den ehemals sowjetischen Ländern existiert so gut wie kein Austausch mehr, und für einen Studienaufenthalt z.B. in Moskau, im Baltikum oder gar in Westeuropa reichen die finanziellen Mittel nicht mal im Traum. Auf der anderen Seite kommen durch die so entfernte Lage und die rein geographische Größe Kirgistans auch nur selten Kulturschaffende anderer Länder hier vorbei, es besteht also im Ganzen für alle Seiten nur wenig Gelegenheit für kulturellen Austausch und damit einhergehende kulturelle Entwicklung. Das Bedürfnis nach Erneuerung, nach der Entdeckung neuer Welten, neuer Horizonte, ist von Seiten der Kulturschaffenden enorm- und zugleich existiert für sie die Möglichkeit, andere Länder zu bereisen, durch die desaströse wirtschaftliche Lage vor allem der im kulturellen Bereich Tätigen, so gut wie nicht.

  • „Theater – oder Theatralik - ist die menschliche Fähigkeit, sich selbst im Handeln zu betrachten. Die Selbsterkenntnis, die der Mensch auf diesem Weg erwirbt, erlaubt ihm, beobachtendes Subjekt eines anderen, handelnden Subjekts zu sein. Sie erlaubt ihm, sich Variationen seines Handelns vorzustellen und Alternativen zu erproben. Der Mensch ist also in der Lage, sich im Akt des Sehens, Fühlens, Denkens und Handelns zu beobachten. Er kann sich selbst fühlend spüren und sein eigenes Denken wiederum reflektieren.“> Boal

Kooperationspartner

Deutschland
Theater Thikwa,  Berlin
Schirmherrschaft, Kirgisische Botschaft Berlin
Deutsch-Kirgisischer Kulturverein e.V.

Kirgisztan
Die Deutsche Botschaft, Bischkek
Das Städtische Drama-Theater, Bischkek
Das Sozialdorf Manas, Maruke
Das Russische Theater der N. K Krupskaja, Bischkek
Bangladesh Institute of Theatre Arts (BITA) in Chittagong, Bangladesch
Department of Theatre, University of Dhaka, Bangladesch

Netzwerk und Unterstützer
ITI, Internationales Theater Institut, Berlin
TECOM, Theater Education and Training Comitée, Paris
ARTEN, Asian Regional Theatre and Education Network
BITA, Bangladesh Institute of Theatre Arts
Department of Theatre, University of Dhaka, Bangladesch

Kontakt
Julia Lindig, Inga Dietrich, Stephanie Patzelt
heroes@actorscut.com
Fon: 0049-30-787 14 719

Stand: April 2013